RTL Bericht über die Gamescom 2011

Der Sender RTL berichtete in seinem Magazin Explosiv am Freitag, dem 19.08.2011 über die Gamescom. Dort werden die Messebesucher bzw. alle Computerspieler als „komische Gestalten“ bezeichnet. Die Einzelheiten kann man u.a. bei Gamona nachlesen.

Eine Forenteilnehmerin bei WoW z.B. faßt ihre Beschwerde über den Beitrag treffend wie folgt zusammen:

Es hat unweigerlich den Anschein, dass sowohl die Moderatorin, Frau Nazan Eckes, als auch die weiteren Verantwortlichen, Frau Steffi Kolwe, Herr Thomas Schwere und Herr Tim Kickbusch (ich möchte bitten eine falsche Schreibweise der Namen zu entschuldigen, da ich Schwierigkeiten hatte sie genau zu verstehen),alles daran setzten die Besucher der oben genannten Messe durch gezieltes auswählen von einigen bestimmten Messebesucher/innen, die die negativen Klischees und Vorurteile, die selbst in unserer aufgeklärten Gesellschaft immer noch mit Menschen, die das Hobby PC- und Videospiele betreiben in Verbindung gebracht werden, in ein schlechtes Licht zu rücken. Dabei versuchen sie nicht die Klischees und Vorurteile zu fördern, sondern auch zu verstärken.

Der erste Hinweis darauf findet sich bereits in dem Einleitungssatz der Moderatorin Frau Eckes.
Sie beginnt die Sendung damit, dass sie darauf hinweist, dass „sollten irgendwann doch Außerirdische bei uns auf der Erde landen könnten sie auf folgender Veranstaltung wirklich enge Freundschaften schließen.“ (zirka ab Minute 00.00 bis 00.07).

Ich weiß zwar nicht welche Hintergedanken das ausführende Team bei dem Schreiben eines solchen Textes  im Kopf hatte, doch müssen Sie doch zugeben, dass er auf die Betroffenen kränkend, wenn nicht gar beleidigend wirkt. Meiner Meinung nach soll durch diesen Satz den Zuschauern vermittelt werden, dass die Besucher der oben genannten Messe in Augen der Redaktion, beziehungsweise des ausführenden Teams, derartig wenig menschliches besitzen, dass nicht andere Menschen, sondern außerirdische Besucher mehr mit ihnen sympathisieren würden.

Spieler werden also quasi entmenschlicht. Wer sich mal die Sendung „Explosiv“ anschaut, bemerkt gleich, welches Niveau diese Sendung hat. Hier wird oft an die niedrigsten Instinkte im Zuschauer appelliert. Menschen werden vorgeführt und bloß gestellt. Eine auf Tatsachen beruhende, korrekte Berichterstattung über „Gamer“ kann man hier noch weniger erwarten, als in anderen Sendungen.
Bedauerlich ist, daß z.B. Frau Naza Eckes, die selber türkische Wurzeln hat, sich damit auf ein Niveau begibt, daß sich dem Stil des Stürmers zu NS-Zeiten annährt.

Das ist zwar ein Phänomen, das unsere ganze Medienwelt betrifft, besonders aber gewissen kommerzielle Fernsehsender. Man stellt den Zuschauern eine Gruppe Menschen vor, die „Außenseiter“ sind oder als „Außenseiter“ hingestellt werden und vermittelt den Zuschauern ein bewußt verzerrtes Bild dieser Gruppe, um Vorurteile zu erregen oder zu verstärken. Besonders geeignet sind dafür Gruppen, die schon als gesellschaftliche Außenseiter gesehen werden, und dafür waren wir Spieler ja schon immer gut. Uns allen ist nur zu gut im Gedächtnis, wie bei jedem Amoklauf reflexartig geschaut wird, ob der Amokläufer „Killerspiele“ gespielt hat.

Eine unkritische Betrachtungsweise, die Michael Moore zu seinem Film „Bowling for Columbine“ inspiriert hat. Die Täter des dortigen Massakers waren nämlich vor der Tat bowlen, was aber niemand zum Anlaß nahm, das Bowling für den Amoklauf verantwortlich zu machen. Aber mit einfachen Antworten, die Vorurteile bestätigen, ist man bei Politik und Medine bei Problemen immer schneller und besser zur Hand als mit einer differenzierten Betrachtungsweise. Schließlich denkt man ja, man müsse dem Zuschauer bzw. Zuhörer schwierige Sachverhalte in ein paar Minuten vermitteln. Da kommt „flach“ immer besser an.

Allerdings hat RTL nicht bedacht, in welches Wespennest sie mit dem Beitrag stoßen. Längst sind wir Spieler keine Randgruppe des Gesellschaft mehr. Das Bild vom Computerfreak trifft nicht mehr auf die große Mehrheit der Spieler zu. Spielen ist gesellschaftsfähig geworden.

RTL hat keine Außenseiter geschlagen, die sich nicht wehren können, sondern einen Sturm in der breiten Masse der Spieler entfesselt. Und die schlagen zurück.
So versucht RTL z.B. – dazu haben sie das Recht – die Urheberverstöße durch das Laden des Beitrages auf youtube zu verhindern. Aber für jeden Beitrag, den sie löschen, werden gleich mehrere neue heraufgeladen. Diskussionsforen quellen nur so über vor der Empörung der Spieler, die sich leider auch in Beschimpfungen und Drohungen Luft macht.

Laura da Silva (links) als Gesicht der Rheinbahn

Laura da Silva (links) als Gesicht der Rheinbahn

Leidtragende ist auch Laura da Silva, eine junge Frau von 23 Jahren, die auf der Messe als Hostess bzw. sog. Messe-Babe gearbeitet hat.
Im RTL-Beitrag wurde sie benutzt, um das negative Bild der Spieler zu untermauern. Eine hübsche junge Frau, die sich darüber lustig macht, wie die Jungs aussehen und daß sie keine Freundin haben, ist natürlich gut, um als Gegenpol den schlechten Eindruck, den die Spieler hinterlassen sollten, noch einmal zu verstärken. Daß sie sich nicht zu schade ist, sich u.a. dafür bezahlen zu lassen, sich mit eben diesen Spielern fotografieren zu lassen, wird nicht erwähnt.

Sucht man nach dieser jungen Frau im Internet, stellt man fest, daß sie Gesicht der Rheinbahn war bzw. ist. Um das zu werden, hat sie offenbar an einem entsprechenden Wettbewerb teilgenommen. Sie hat Anfang 2011 gerade ihr Studium im 1. Semester der Germanistik begonnen.

Diese Mischung, junge Studentin, die Nebenjobs macht und scheinbar in die Medien möchte, trug dazu bei, daß es sie „erwischt“ hat. Solche jungen Frauen, man möchte sie gar noch Mädchen nennen, werden von Kameras magisch angezogen. Laura hätte sich bestimmt nicht träumen lassen, daß sie durch ihr Auftreten zum Hassgesicht einer ganzen Szene würde.
RTL macht das nämlich geschickt. Eine Reporterin tritt in dem Beitrag nicht auf. Man läßt Laura da Silva die Spieler und auch sich selber vorführen.

Die Internetseite Gamona hat auch schon zurückgeschlagen und vorgeführt, was von dem Allgemeinwissen, wenn nicht von der Intelligenz, von Laura zu halten ist. Auch hier hat die Medienaffinität Lauras sie wieder selber in die Falle gelockt.

In dem Beitrag sagt sie ihre Meinung über die Einstellung der Eisenbahnstrecke New York-Berlin und äußert sich nicht überrascht darüber, daß viele E-Sport-Spieler heterosexuell sind, wobei sie zugibt, daß sie viele heterosexuelle Spieler kennt.

Damit hat sie ihr Image „hübsch, aber doof“ natürlich weg. Man sollte nur nicht vergessen, daß auch sie ein Opfer von RTL ist, wenn auch ein willigeres als die Spieler, die in dem Beitrag und auch von ihr angegriffen wurden.
Stellt euch mal vor, ihr taucht so bei youtube auf und 100.000 Leute hassen euch. Würde euch auch nicht gefallen, oder? Und das alles nur, weil ihr mal wieder vor eine Kamera wolltet.

Und eines ist sicher. Das Internet vergißt nicht und Laura da Silva hat sich tief in sein Gedächtnis eingebrannt.

Aber zum Abschluß noch etwas Positives. Ein Video von Sarah, einer Spielerin, die sich über den Beitrag von RTL genauso aufregt, wie wir alle. Sie zeigt, daß „Gamer“ keine dicken, ungewaschenen Nerds sind und daß blonde Mädchen nicht dumm sein müssen. Viel Spaß beim Gucken:

Mir ist klar, daß die Spielbranche mit den Messebabes auf männliches Käuferschichten nach dem Grundsatz „Sex sells“ setzt (genauso wie es zum Reifen- oder Autoverkauf gehört, daß leichtbekleidete junge Damen diese Dinge anbieten). Aber vielleicht sollte sie umdenken. Immerhin hat sich die Zusammensetzung der „Gamer“ geändert und es spielen auch immer mehr Frauen und Mädchen.

Es wäre Zeit, mal zu überlegen, ob man statt Messe-Babes, die von den angebotenen Spielen ungefähr soviel Ahnung haben, wie der Hamster vom Tiefseetauchen, nicht „Gamerinnen“ in normaler Kleidung an die Stände stellt, die sich dann mit dem männlichen Publikum über deren Spiele unterhalten können, statt sich nur anschmachten und abfotografieren zu lassen.

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8 Antworten zu RTL Bericht über die Gamescom 2011

  1. nomadenseele schreibt:

    Wie ich schon in einem anderen Blog schrieb: Lasst RTL doch reden, ich fühle mich von dem Beitrag weder beleidigt noch angesprochen. Vielleicht erkennt sich der ein oder andere *Beleidigte* doch ingeheim wieder.

    Und lasst die RTL-Zuschauer doch denken, was sie wollen. Wären es halbwegs intelligente Menschen, würden sie kein Werbefernsehen gucken, so bekommen sie immerhin noch Halbwissen mit.

  2. Pingback: Lasst sie doch einfach reden… « WoW- Journal von Nomadenseele

  3. Zauma schreibt:

    Die Gamestar kommt in einem Artikel ungefähr zu den gleichen Schlüssen.

  4. jarlskor schreibt:

    Ich sehe es nicht so unproblematisch, daß hier Menschen ein falsches Bild vermittelt wird. Denn mit diesem Bild muß man notfalls leben. Das kann berufliche oder andere Auswirkungen haben.

    Genauso, wie man sich früher z.B. nicht einfach dazu bekennen konnte, homosexuell zu sein, weil man dadurch gesellschaftliche Nachteile hatte, kann man es heute auch immer noch nicht immer als Computerspieler. Bestenfalls wird man belächelt.

    Massenmedien haben meiner Ansicht nach die Pflicht, eine wahrheitsgemäßes Bild der Wirklichkeit zu vermitteln und nicht absichtlich die Unwahrheit zu sagen, um damit einer Bevölkerungsgruppe zu schaden.

    Die erste Voraussetzuung, um eine Gruppe gegen eine Minderheit aufzuhetzen, ist, diese Minderheit zu entmenschlichen, als nicht zugehörig zur menschlichen Gesellschaft zu brandmarken. Deswegen finde ich solches Verhalten so schlimm.

    Den Kommentar von Barlow finde ich Klasse.

  5. nomadenseele schreibt:

    Ich bezweifle sehr stark, dass selbst der Dümmste bei RTL & Co. erwartet, dass *die Wahrheit * gezeigt wird,Das ist meiner Meinung nach auch überhaupt nicht das Selbstverständnis dieser Sender, Stichwort Fake-RL-Shows.

    Wer sich wirklich informieren möchte, weicht wohl eher nach Phoenix, Arte und 3Sat aus.

    ____
    Massenmedien haben meiner Ansicht nach die Pflicht, eine wahrheitsgemäßes Bild der Wirklichkeit zu vermitteln und nicht absichtlich die Unwahrheit zu sagen, um damit einer Bevölkerungsgruppe zu schaden.

    – RTL sagt insofern nicht die Unwahrheit oder lügt, als das die Leute wohl z.B. wirklich morgens mit einer Bierflasche anzutreffen waren bzw. sich verkleideten. Es wurden nur bestimmte Aspekte zugespitzt / übertrieben / besonders herausgestellt, was aber grundsätzlich etwas anderes ist, als lügen an sich.

  6. jarlskor schreibt:

    Ich hatte vor kurzem eine Praktikantin und als ich sie fragte, weswegen sie hier Praktikum macht, sagte sie mir, weil sie das ja aus den „Gerichtsverhandlungen im Fernsehen“ kenne. Ich mußte ihr dann erst einmal klar machen, daß die nicht echt sind und es vor normalen Gerichten ganz anders läuft… obwohl ein Kollege aus meinem Referendariat im Fernsehen als Staatsanwalt auftritt. Keine Ahnung, ob er das inzwischen wirklich ist, ich bezweifle das aber.

    Barlow erklärt das gut in seinem Kommentar. RTL sagt z.B. am Beispiel der verkleideten Jungs am Anfang, daß der Großteil der Leute auf der Gamescom verkleidet herum laufen. Das stimmt aber gerade nicht. Auch dort stellen die, die sie gezeigt haben, eine Ausnahme dar.
    Das ist genau das gleiche, als wenn ich einen Ausländer beim Stehlen erwische und einen Fernsehbeitrag daraus mache, in dem ich vermittele, das alle Ausländer stehlen.

    Es ist schlicht die Unwahrheit.

  7. nomadenseele schreibt:

    Es ist schlicht die Unwahrheit.
    ____

    Das ist nach wie vor nicht meine Interpretation.

    Gäbe es eine Herde von zweihalsigen Giraffen und würde RTL über diese Tiere berichten, wäre dies kein Lüge, da diese Herde existierte.
    Und nichts anderes ist in dem Bericht passiert, man hat sich die Abweichungen herausgenommen und besonders herausgearbeitet, womit sie letztendlich nicht die Unwahrheit sagten.

    Ich habe fast den Eindruck, dass einige sich erwischt fühlen und sich deshalb so aufregen.
    Wenn die morgen einen Dokumentation über die Rollkur in der Dressur bringen, was sehr
    schmerzhaft und weit verbreitet ist, würde ich mich als Dressurreiter trotzdem nicht beleidigt fühlen, weil ich es nicht mache. Im Gegenteil, Tierquälerei findet viel zu wenig Beachtung.

    Ausgehend von der Tatsache, dass sich die Leute meistens aufregen, wenn die sich auf die ein oder andere Art ertappt fühlen, kann man RTL zu dem Volltreffer und der daraus resultierenden kostenlosen Werbung nur beglückwünschen. Es gibt da einen schönen Spruch: Getroffene Hunde bellen.

  8. jarlskor schreibt:

    Gäbe es eine Herde von zweihalsigen Giraffen und würde RTL über diese Tiere berichten, wäre dies kein Lüge, da diese Herde existierte.

    Um von Deinem Beispiel auszugehen. RTL verkauft aber den Zuschauern, daß es nur zweihalsige Giraffen gibt. Und das stimmt eben nicht. 😉

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